Musikalisches Familienalbum der Bachvorfahren

Arnstadt, Erfurt, Wechmar, Eisenach – über den Namen Bach stolpert man in vielen Thüringer Städtchen. Doch nicht immer geht es um Johann Sebastian Bach. Im 17. Jahrhundert spann der „Bachclan“ ein feines Netz über ganz Mittelthüringen und besetzte in vielen Orten über Generationen Organisten- und Stadtmusikerstellen. Musikalische Begabung und Fähigkeiten wie Notenlesen, mehrstimmiges Singen, virtuoses Spiel auf allerlei Instrumenten, die Kunst des Improvisierens, detailliertes Wissen über den Orgelbau und die Inspiration zum Komponieren wurden an Kinder und Kindeskinder weitergegeben. Einen Schlüssel zur Faszination, die von der Musik der Bachfamilie ausging und Bachs Werk so entscheidend prägte, hat sich mit über zwanzig Motetten und Kantaten im sogenannten „Altbachischen Archiv“ erhalten. Die Handschriften dieser wundervollen Kompositionen der Bachvorfahren galten über Jahrzehnte als verschollen. Um die Notensammlung vor den Bombardierungen Berlins im zweiten Weltkrieg zu schützen, wurde sie als Teil der Berliner Sing-Akademie-Bibliothek in Kisten verpackt und nach Schloss Ullersdorf in Niederschlesien gebracht. Nach dem Krieg verlor sich jede Spur. Erst kurz vor der Jahrtausendwende entdeckte es der Bachforscher Christoph Wolff in Kiew wieder. 2001 kamen die vergilbten, über 300 Jahre alten Handschriften der Bachfamilie zurück nach Deutschland.


Der Öffentlichkeit waren die Noten zwar bereits ab 1935 in zwei Notendruckausgaben bekannt, jedoch offenbaren die originalen Manuskripte nun zahlreichen Bachforschern neue, bis zu ihrer Wiederentdeckung verborgene Erkenntnisse. Die Sammlung wurde wahrscheinlich in Arnstadt angelegt und gelangte später nach Leipzig in die Hände von Johann Sebastian Bach. Dort ordnete der Thomaskantor die Kompositionen seiner Vorfahren, erstellte liebevoll neue Einbände, ergänzte Stimmen, korrigierte Fehler und begann einige der Werke aufzuführen, darunter die seines Großonkels Johann Christoph Bach. Von Johann Christoph Bach und dessen nicht minder begabten Bruder Johann Michael, dem „Gehrener“ Bach und späterem Schwiegervater Johann Sebastian Bachs, sind die meisten Werke im „Altbachischen Archiv“ vertreten. Johann Bach gilt unter allen komponierenden Bachvorfahren als der älteste. Von ihm ist die Trauermotette „Unser Leben ist ein Schatten“ überliefert. Unter den zwanzig originalen Manuskripten sticht besonders Georg Christoph Bachs Geburtstagskantate hervor, deren Notenhandschrift eine mit Kleeblatt, Schloss und Triangel verzierte, liebevoll gestaltete Titelseite schmückt. Sie entstand aus Freude über das Zusammentreffen von Georg Christoph mit seinen Zwillingsbrüdern Johann Ambrosius und Johann Christoph Bach in Schweinfurt. Nach dem Tod von Johann Sebastian Bach blieb das „Altbachische Archiv“ in der Familie und ging in den Besitz seines Sohnes Carl Philipp Emanuel Bach über, später gelangte es in das neu angelegte Archiv der Berliner Sing-Akademie. Seit der Wiederentdeckung der Originalmanuskripte erwacht das „Altbachische Archiv“ zu neuem Leben. Neben Johann Sebastian Bachs Werk gehören die Vokalkompositionen seiner Vorfahren mittlerweile zum Repertoire vieler Konzerte und Bachfestivals in ganz Thüringen. 

Download: Stammbaum der Bachfamilie zum Altbachischen Archiv