Heimat des Altbachischen Archivs

In Arnstadt sind mit der barocken Bachkirche, der bezaubernden Oberkirche, dem Neideckturm, dem Bachhaus und der spätromanisch-frühgotischen Liebfrauenkirche so viele originale Schauplätze der Bachfamilie versammelt wie in keinem anderen Ort. Dass Johann Sebastian Bach 1703 ausgerechnet hier seine erste Organistenstelle antrat, verwundert nicht. Hatten doch bereits lange vor ihm seine musikalischen Vorfahren als Organisten, Komponisten, Türmer oder Hofmusiker den guten Ruf der „Bache“ in der Stadt begründet. Der erste von ihnen war Caspar Bach, ehemaliger Stadtpfeifer von Gotha. Als Türmer warnte er während des Dreißigjährigen Krieges zwischen 1620 und 1633 vom Neideckturm aus vor Feuer und Gefahren und wohnte wahrscheinlich auch dort in der Türmerwohnung. Zudem spielte er als Hofmusiker in der Hofkapelle des Grafen von Schwarzburg-Arnstadt unter Christoph Klemsee einen Dulzian, den Vorläufer des heutigen Fagottes. 1633 erwarb er das Bürgerrecht und kaufte ein Haus in der Jakobsgasse 15, das wie viele der damaligen Arnstädter Stadthäuser bis heute erhalten ist. Damit konnte er seinen anstrengenden Beruf als Türmer aufgeben, aber weiterhin zu verschiedenen Anlässen in und außerhalb von Arnstadt aufspielen.


Anspruchsvolle Kirchenmusik wurde an der Neuen Kirche (spätere Bachkirche) erst ab 1703 mit der Einweihung der Wender-Orgel und Johann Sebastian Bach möglich. Bis dahin prägten vor allem Oberkirche und Liebfrauenkirche das sakrale Musikleben Arnstadts. 51 Jahre lang begleitete an beiden Kirchen Bachs Großonkel Heinrich Bach das Organistenamt. Er gilt mit seinen zwei komponierenden Söhnen Johann Christoph (später Organist in Eisenach) und Johann Michael (später Organist in Gehren) als Begründer der Arnstädter Bachlinie. Die Oberkirche, im 14. Jahrhundert von den Franziskanern als Klosterkirche errichtet, wurde Ende des 16. Jahrhunderts zur Stadtkirche von Arnstadt. Kurz bevor Heinrich Bach hier seinen Dienst an der Orgel von Ezechiel Groitzscher antrat, erhielt sie mit dem dreigeschossigen Hochaltar und der Kanzel ihre barocke Ausstattung von Burkhardt Röhl. Bis heute spiegelt sie den Geist jener Epoche wider. Von Heinrich Bach sind wenige Kompositionen überliefert, darunter die Kantate „Ich danke dir, Gott“. Mit ihren für diese Zeit ungewöhnlich innovativen chromatischen Passagen am Anfang des Stückes wird er vielleicht, wie später auch Johann Sebastian Bach, mit „frembden Thone“ die Gemeinde „confudiret“ haben. Vor einigen Jahren entdeckte man, dass das „Altbachische Archiv“ eine Notensammlung mit großartigen Werken von Bachs Vorfahren, ebenfalls seinen Ursprung in Arnstadt hat. Denn neben den verschiedenen Handschriften der Bachfamilie finden sich darin auch Abschriften aus der Hand eines gewissen Ernst Dietrich Heindorff. Er wirkte als Kantor ab 1681 an der Oberkirche und brachte dort wahrscheinlich ausgewählte Kantaten und Motetten der Bachfamilie zur Aufführung. Wie sehr die gesamte Musikerfamilie Bach in Arnstadt geschätzt wurde, zeigt sich auch in den Worten des Grafen von Schwarzburg-Arnstadt, als sein Hofmusiker Johann Christoph Bach (Zwillingsbruder von Bachs Vater) starb: "ob denn kein Bach mehr vorhanden, der sich ümb solch Dienst anmelden wolte. Er solte und müste wieder einen Bachen haben." Das Haus von Johann Christoph Bachs Familie ist noch heute in der Kohlgasse 7 zu besichtigen.

Download: Stammbaum der Bachfamilie Arnstadt